Michael Seeger Rezensionen Forum

Autorin

 

Goethe

Lea Singer

(bürgerl. Eva Gesine Bauer)

Anatomie der Wolken

Als Caspar David Friedrich auf Johann Wolfgang von Goethe traf.

Roman

Kampa Zürich 2024, 288 S., 14,00 EUR

ISBN 978-3-311-15096-1

gelesen: Januar 2026

Romantische Phantasie oder ordnende Wissenschaft?

Bildungssatte Recherche bringt überzeugende Figurenzeichnung heror.

cover

Friedrich

Schon acht Jahre vor Illies' "Zauber der Stille" hat Lea Singer nach gründlicher Recherche offengelegt, dass es zwischen 1810 und 1816 tatsächlich zu Begegnungen des kauzigen Malers Friedrich und des arroganten Großschriftstellers Goethe kam und dass Goethe aus Zorn über das Zufällig-Ungewisse Bilder von Friedrich an der Tischkante zerschlug. Aber niemend glaubte der Autorin, so dass sie sich im Nachwort stolz und selbstbewusst zu ihrer "Entdeckung" außern kann.

Als Kenner der Weimarer Klassik wird mir - wie bei Feyls Schillerdarstellung - schnell klar, dass alles Romanhafte des Buches auf fleißig studierten Tatsachen beruht; und so fasse ich schnell Vertrauen und lasse mich lesend gerne ein, auch den mir nicht so bekannten (ordinären, stinkenden) Kauz Friedrich romanhaft zu erkunden. Die gut komponierte Mischung aus Erzählbericht, Dialogen, innerem Monolog und erlebter Rede hält die Lust wach bei einem leichten Lesevergnügen. Manchmal allerdings kommt der Geheimrat allzu salopp und umgangsprachlich rüber, wenn er über die Romantiker so räsonniert:

"Aber warum jetzt an diese Jammerlappen denken? Freudlose Existenzen von Mitte, Ende dreißig. Vermutlich lief bei denen mit Frauen auch nichts. Bei Kleist so wenig wie bei Friedrich. Wer wollte so einen schon, der sich vor dem Fortschritt fürchtete? Fortschrittsangst macht alt und impotent." (S. 56)

Ja, Goethe muss tatsächlich ein alter geiler Bock gewesen sein, wenn so viel Zeugnis davon abgelegt wird. 1 Egal, ob es ein adliges Fräulein oder eine derbe Wirtshausbedienung ist, der Casanova kann nicht anders:

"Dass der Schreibakt mit dem Geschlechtsakt mehr zu tun hatte, als manchem Schreibenden lieb war, hatte ihn bislang nicht gestört. (...) Das Erschlaffte in ihm spannte sich. Es hatte ihn gepackt. Der Stuhl krachte zu Boden. Seine Hände um ihre Leibesmitte. Sie entwand sich ihm, und weg war sie. Angst vor dem Drachen, der unten lauerte? Oder Angst vor den vierzig Lebensjahren, die zwischen ihnen klafften, konnte es das sein? (...) Nichts stand, kein einziges Wort stand auf dem Papier, als er sich unters Daunenbett legte." (S. 114f).

Aus dieser Impotenz-Erfahrung entstehen die bekannten "Iste-Stanzen", welche den Gott Priap beschwören. Damit konfrontiert er den Altherrenclub, der um Herzog Karl August gelangweilt versammelt ist. Langeweile? Der Ennui muss für geistreiche moderne Menschen fürchterlich gewesen sein im "Kaff" Weimar mit seinen 9.000 Einwohnern, wie selbst der Herzog beklagt.

Mönch am Meer

Mönch am Meer

Abtei im Eichwald

Abtei im Eichwald

 

 

Schwerpunktmäßig geht es aber um die Wolken: Soll man sie in einem quasi religiösen Akt malen oder wissenschaftlch erforschen? Letzteres hält der Maler für ein Sakrileg, Ersteres der Dichter für "altmodisch, ungesund, mystisch". (S. 152ff). Das wird immer wieder exemplifiziert an den beiden Gemälden "Mönch am Meer" (Goethe: was hat da denn ein Mönch verloren?) und "Abtei im Eichwald", zwei Gemälde, die der preußische Kronprinz gar angekauft hat. Das Wolkenmotiv (>> Titel) wird freilich zu sehr breit getreten und überstrapaziert.
Goethe wird zunehmends klar, dass Friedrich nicht der rechte Partner für sein "Wolkenprojekt" ist. Er will wie bei den Farben wissenschaftlich herangehen. Er lässt im Herzogtum überall Wettermessstationen errichten. Was er begründen will, sind Wettervorhersagen. Das scheint im Jahr 1816, dem "Jahr ohne Sommer" nach dem Vulkanausbruch TAMBURA im heutigen Indonesium ein dringender Bedarf zu sein. Mich friert es noch lesend, wenn ich vom Schnee im Juni erfahre, mich hungert, wenn ich von den ausbleibenden Ernten und der galoppierenden Lebensmittelpreisinflation erfahre.
Was Goethe anstrebt, ist klar: Ordnung in das Flüchtige bringen! Seinen Meister findet er im britischen Apotheker und Quäker Howard, der schon vor Jahren die Wolken klassifiziert hat: Cumulus, Cirrus, Stratus. Eine Begegnung mit ihm wird erwogen, aber nicht realisiert.
"Diesem Mann, der die Wolken unterschied, gehöre die Zukunft, schrieb Goethe, und jedem, der das erkenne, gehöre sie auch. Klima werde das Thema der Zukunft sein. Klima, Klima, Klima." (S. 264; hrvgh. v. M.S.)

Vielleicht lassen sich die konträren Positionen der beiden so verschiedenen Künstler mit einem Aphorismus Heisenbergs versöhnen?:

"Der erste Trunk aus dem Becher der Naturwissenschaft macht atheistisch, aber auf dem Grunde des Bechers wartet Gott." (zitiert im Nachwort S. 282)

 


1 vgl. Martin Walser: Ein liebender Mann

Michael Seeger, 05.02.2026


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