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Florian IlliesWenn die Sonne untergehtFamilie Mann in Sanary© S. Fischer Frankfurt/M. 2025; 329 S., 26,00 € ISBN 978-3-10-397192-7 gelesen im Mai 2026 |
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Eva Herrmanns Karikaturen von den Brüdern Thomas und Heinrich M. |

Von Illies Methode sind wir ja seit seinem legendären "1913" begeistert. Nach dem gleichen Verfahren recherchiert er gründlich in den Archiven und vor allem in den Tagebüchern der "verkorksten Familie." Dass sie allesamt - inclusive der jüdischen Schwiegereltern Pringsheim ("Offi" und "Ofei") - diese persönliche Erinnerungsschreibe pflegen, ist nicht nur Ausdruck der Literarität gehobener Kreise im 19./20. Jh., sondern scheint zur Mannschen DNA zu gehören. Illies Buch ist so etwas wie eine Langzeit-Reportage, und so wollen wir ihm das verwendete Präsens (sonst häufig kritisiert) ab- und annehmen.
Viele Kuriositäten der "erlauchten Versammlung" (Tagebuch Th. Mann) sind uns ja aus früheren Lektüren (Krüll und Harpprecht) bekannt. Wenn sie hier neu aufbereitet werden, stört das nicht, weil Illies nach wie vor Lesegenuss (fast) pur bereitet. Staunen darf man aber erneut: Wie viele Selbstmorde (mit und ohne Drogen) rund um diese Familie, wie viele queere sexuelle Orientierungen. Beides scheint in diesen Kreisen eher der Normalall zu sein. Betroffen macht erneut, dass sich auch der Jüngste, Michael, nach der Lektüre von Vaters Tagebüchern im Alter von 57 Jahren selbst getötet hat. Er musste dort erfahren, dass er hätte abgetrieben werden sollen und nie geliebt wurde. Überhaupt die "Liebe". Sie scheint im Hause Mann nicht existent, stattdessen gibt es Litearatur ... und Musik. Die im Fischerort Sanay-sur-Mer sich entfaltende pragmatische Aktivität der Kinder scheint vorwiegend dieses Ziel zu haben: die Anerkennung - wenn schon nicht Liebe - des Übervaters zu erlangen. Erika will dies und erreicht es z.T. durch die Rettung des Münchner Hausstandes, Golo bekommt auch für die dem Vater so wichtige Rettung seiner Tagebücher (Outing der homosexuellen Orientierung!) und des Familenvermögens nichts als ein "Ach ja". Klaus verzweifelt schier, wenn der Vater sich von seinem Herrzensprojekt der Exilzeitschrift "Die Sammlung" wieder abwendet, weil ihn der Verleger und Nazi-Oppurtunist Gottfried Bermann Fischer unter Druck setzt. Trotz aller Leiden am Patriarchen ist die Bindekraft der Familie doch enorm. Heute ist das kaum noch vorstellbar, dass ein Endfünfziger auch seine erwachsenen Kinder dauerhaft um sich scharen kann, obwohl sie nur ein untergeordnetes Eigenleben führen dürfen. (Alle stehen hinter ihren Stühlen und warten bis der "Zauberer" das Esszimmer betritt und mit einer Geste das Platznehmen einleitet.)
Wer da nicht alles diese Exil-Gemeinde bevölkert! Die Feuchtwangers sind da und die Huxleys, Ludwig Marcuse, Bert Brecht, René Schickele und Heinrich Mann, der politisch engagierte, doch hanseatisch steife Bruder, der seine Geliebten selbst im Bett gesiezt haben soll (vgl. dlf). Ferner: Sibille v. Schoenebeck, Eva Herrmann, Therese Giehse, Arnold Zweig mit Frau, Die Pringsheims zu Besuch und zahlreiche französische Maler und Schriftsteller. Es scheint "normaler Usus", dass die Großschriftsteller in stabiler Ehe leben, gleichzeitig aber ein von der Gattin geduldetes - Liebesverhältnis zu einer anderen Frau (gerne Sekretärin) haben. Feuchtwanger prahlt mit dem Erfolg seiner Bücher und deren Übersetzungen, Heinrich Mann trinkt zu viel, Huxley ist völlig sexuell (auf)geladen, Brecht zwingt seine proletarische Muse Grete Steffin zur Abtreibung des gemeinsamen Kindes und schreibt seiner Ehefrau Weigel nach Dänemark, wie beschäftigt er sei.
Pastis, Bowle und Rosé spielen eine große Rolle, bei Thomas eher der Lindenblütentee und ab fünf Uhr die Zigarren. Während die Mehrzahl der Exilanten mit ihrem Werk und dem politischen Protest gegen die Nazis beschäftigt ist (Klaus!), hat Thomas Schreibhemmung, sorgt sich vor allem darum, dass seine geheimen Tagebücher der Gestapo in die Hände fallen könnten, was ihn literarisch vernichten würde. Er leidet deswegen an "Behangensminderung" und Schlafstörungen, gegen die er die Dosierung diverser Mittelchen im Tagebuch minutiös festhält. Ihn treibt die Sorge um den Verlust seiner Würde, seines Ansehens, das Erscheines des ersten Joseph-Romans, der Ausschluss aus dem Münchner Rotary-Club um. Das Wüten der Nazis beschäftigt ihn nicht stark genug, als dass er dem Drängen der anderen nachgeben würde, seine Stimme gegen die Barbaren zu erheben. Er hängt eben an seiner deutsch(sprachig)en Heimat, kann kaum Französisch oder Englisch und bangt, seine kulturelle Stellung als Repräsentant der deutschen Kultur einzubüßen. Sein narzisstisches Gehabe gipfelt dann - wie wir wissen - später, 1938, in Kalifornien im Statement: „Wo ich bin, ist Deutschland“.
Schön ist für mich zu erfahren, dass und wie Th. Mann seine Ehe mit Katia in den Jakoob-Roman ("Reh!") einmontiert, ebenso den Mistral Südfrankreichs an den Nil verlegt hat und die Schönheit "Kläuschen" Heusers in der Figur des Joseph hat Literatur werden lassen. Die jüdische Elite hat den schließlich doch bei Fischer erschienenen ersten Joseph-Roman als Würdigung jüdischen Lebens und Anti-Nazi-Dokument aufgefasst.
Nach vier Monaten - einem langen Sommer - ist die Sanary-Station vorbei und Th. Mann findet in Zürich - alles von Erika bestens arrangiert - "Heimat" und schließlich später auch sein Grab.
Und Illies? Nimmt er Stellung? Oh ja! Thomas' "Kalamitäten" werden kritisch-ironisch erzählt. Im Anschluss an Breloer hält er quasi plebejische Distanz zum Patriarchen der "vollkommen verkorksten Familie" (S. 186) und seinen "Kalamitäten". Illies Sympathie gehört eindeutig dem politisierten Sohn Klaus.
Ein reines Lesevergnügen? Nicht ganz. Wie der Titel schon andeutet, kann Illies der Versuchung nicht widerstehen, die meteorologischen Gegebenheiten mit den politischen Verhältnissen und psychischen Befindlichkeiten auf triviale, manchmal auch kitschige Weise zu verquicken:
"Doch dann kommt der Mistral. (...) Er bläst erst die Wolken über Sanary weg. Und dann auch die Wärme. Und schließlich Brecht und Steffin. Und ihre Liebe." (S. 301)
Michael Seeger, 07. Mai 2026
© 2002-2026 Michael Seeger, Letzte Aktualisierung 08.05.2026