Michael Seeger Rezensionen Forum

autor

Lion Feuchtwanger

Jud Süß

© Aufbau Verlag Berlin 122016 (atb 5622), 540 S. 11,99 €

ISBN 978-3-7466-5622-9

gelesen im Juli 2026

cover

Aufstieg und Fall: von der Arroganz zur Demut

Der jüdische Schriftsteller legt einen in vieler Hinsicht authentischen historischen Roman über das Herzogtum Württemberg im 18. Jh. vor.
Der Antjudaismus von oben und unten erschüttert in seiner Brutalität.

Bei meiner vorigen Lektüre von Illies Roman über die Familie Mann im französischen Exil kommt man an dem illustren Ehepaar Lionel und Marta Feuchtwanger nicht vorbei. Meine Schande ist, dass ich bis dato von den beiden nichts gelesen habe. Also flugs zum wohl berühmtesten Werk, jedenfall zu dem Werk, mit dem Lionel Feuchtwangers seinen literarischem Durchbruch (1925) erlangte. Er lebte nicht nur in Sanary quasi neben Thomas Mann, man spürt die Nachbarschaft vor allem auch stilistisch. Dazu später.

Egal welchen Namen, welches Ereignis ich historisch recherchiere: Es stimmt! So bin ich versucht, die poetische Darstellung der ungezählten Episoden, Geschichten für Geschichte zu nehmen. Das ist weitgehend abgesichert. Nur die direkte, initiative, persönliche Beteiligung des Josef Süß am "katholischen Projekt" ist Feuchtwangers Erfindung. Hintergrund ist ein jahrelanges Ringen der evangelischen "Landschaft" mit dem Herzog von Württemberg um die verfassten Beteiligungsrechte der Landstände (> Tübinger Vertrag) vs. absulutistischem Anspruch des Herzogs. Dieser Konflikt wird virulent, als mit Karl Alexander ein katholischer Fürst Herzog wird. Der versucht, mithilfe einer katholischen Koalition, vor allem mit dem Fürstbischof von Würzburg, einen quasi absolutistischen Staatsstreich gegen die landständischen Rechte. Der Putsch scheitert jäh mit dem plötzlichen Tod des Herzogs. Bis dahin geht es vor allem ums Geld. Wer jetzt aber glaubt, die Geldgier liege allein beim Juden, der es als "Finanzdirektor" quasi zur heimlichen Regentschaft gebracht hat, täuscht sich. Die Geldgier ist allenthalben in allen Schichten, Fraktionen, Personen maßgebend und stilbildend:

"Da bei weiterem Widerstand nur Ehre, bei Nachgeben aber etwa siebziegtausend Gulden zu gewinnen waren, zog die Ritterschaft ihren Protest zurück." (S. 70f)

"Der Jud" freilich bereichert sich über Gebühr bei seinen staatlichen Finanzaktionen, so dass der stets skeptischen Umgebung die Spuke wegbleibt:

"Vor dem klugen, raffenden, lauernden, giervollen und von keiner Idee gereinigten Blick des Juden zerwesten alle diese großen Dinge zu Dummejungenträumen, wurden angeschleimt, lächerlich. (S. 134)

Hier haben wir gleichzeitig ein schönes Beispiel für den kraftvollen, eigentümlichen Stil des Autors: pleonastische Addition von Wörtern, vor allem bei Attributen, nachgestelltes Subjekt, quasi "archäologisches" Vokabular ("zerwesen; anschleimen").

Durch solche Attribute und Vergleiche, vor allem bei der äußeren Personengestaltung ("Eidechsengesicht"), wertet Feuchtwanger. Ansonsten überlässt er Moral und Wertung weitgehend dem Leser, bei dem sich das Urteil aufgrund der chronikalischen Darstellung von selbst herstellt. Hier sehe ich eine nahe erzählerische Verwandschaft zu Christoph Hein.

Von Illies habe ich erfahren, wie sexuell appetent Feuchtwanger war. Lädt er deshalb das Geschehen erotisch so auf? So scheint sich der Herzog mehr um "frisches Fleisch" als um seinen Staat zu sorgen. Vom ius primae noctis macht er ausgiebig Gebrauch. Ebenso "geil" ist Jud Süß, der gelegentlich auch als "Vorkoster" agiert, bevor er die Mädchen und Damen dem Herzog zuführt. Beim galanten und vitalen Finanzjuden scheinen sie Schlange zu stehen. Weil er ein guter Liebhaber ist oder weil er die Frauen reich beschenkt?

Um die zahlreichen Volten des Josef Süß zu verstehen, hilft ein Hinweis des Autors von 1928:

"... was ich machen wollte, das war: den Weg des Menschen weißer Haut zu zeichnen, den Weg über die enge europäische Lehre von der Macht über die ägyptische Lehre vom Willen zur Unsterblichkeit bis hin zu der Lehre Asiens vom Nichtwollen und Nichttun. ... Im Manne Josef Süß" erblickt Feuchtwanger "das Gleichnis des westöstlichen Menschen." (S. 537f)

Erst vor diesem Hintergrund wird klar, warum Süß von der Geldwelt in die Sphäre der Rache wechselt, nachdem sich seine Tochter Naemi durch Selbstmord der drohenden Vergewaltigung durch den Herzog entzieht. Jetzt treibt er den Herzog in den - schließlich gescheiterten - Staatsstreich und den Tod. Danach nimmt er nichtstuend, fatalistisch und demütig ohne Gegenwehr die Rolle des ihm aufgetragenen Sündenbocks an, verweigert jeden Rettungsversuch und wird schließlich vor geirigen Honoratioren und der gaffenden Menge gehängt. Fast unerträglich ist die langwierige Schilderung dieses historischen Justizmordes.

Der Herzog-Administrator beugt sich dem allgemeinen Antijudaismus und dem aggressiven Mob ("Der Jud muss hängen!" S. 505):

"Besser der Jud wird zu Unrecht erwürgt, als er bleibt zu Recht leben und das Land gärt weiter." (S. 506)

Michael Seeger, 04. August 2026

© 2002-2026 Michael Seeger, Letzte Aktualisierung 06.08.2026